Dank ständiger Wertorientierung zum (Miss-)Erfolg (Blog #15)

Lesezeit: 5 Minuten

Laut Gesundheitsexperten von Helsana leiden 33% der Kinder unter Leistungsdruck – aber was ist mit uns Erwachsenen? Die Psychologie unterscheidet präzise zwischen intrinsischem und extrinsischem Leistungsdruck. Doch wie fühlt sich das im echten Leben an, wenn du abends auf der Couch sitzt und dich schuldig fühlst, weil du «nichts Produktives» machst?

Was Experten «intrinsischen Leistungsdruck» nennen, erlebe ich so: Getrimmt von unserer Leistungsgesellschaft verspüre ich im Alltag oft einen inneren Druck, etwas zu verrichten, was einen Mehrwert bringt. Was ich somit tue: Ich verknüpfe meine Aktivitäten mit Wert und Sinn. Einfach mal die Seele baumeln lassen wird als Zeitverschwendung betrachtet, da dies ja keinen Mehrwert schafft. Es besteht wie ein innerer Drang, sich permanent weiterzuentwickeln und weiterzubilden. Keine Entwicklung = Stillstand. Ist der Tag nicht wertorientiert (also wertlos), treten unangenehme Gefühle auf, die es rasch zu verdrängen gilt. Hier können dann Substanzen wie Alkohol oder andere Konsum-/Genussmittel eine kurze Abhilfe schaffen. Die Emotionen betäubt, die Leere verdrängt – vorübergehend zumindest. Bis sich der innere Leistungsdruck wieder zurückmeldet.

Die Folgen der permanenten Leistungsorientierung

Kurz: Dysbalance zwischen Anspannung und Entspannung, da zweiteres zu kurz kommt. Führt zu Ermüdung, Stress und einer Überreizung des Nervensystems und des Körpers. Dies wiederum verschlechtert die Erholungsfähigkeiten, was wiederum den Weg zu Erschöpfung, Depression und Burnout ebnet.

Der innere Leistungsdruck kann zu chronischem Stress führen. Und Stress ist wohl das schädlichste Nervengift, das kann auch ein sonst gesunder Lebensstil wohl kaum kompensieren.

Dies auf der körperlichen/seelischen Ebene. Vom Verhalten her werden zunehmend Aktivitäten weggelassen, die «keinen» Wert haben (z. B. auch Soziales, ein nicht sachliches Buch lesen). Anstelle anhand der Lust zu handeln, erfolgt dies nach dem Wertsystem. An dieser Stelle finde ich den Song «Fründ» von Lo & Leduc treffend – er zeigt, wie Leistungsdruck unsere sozialen Beziehungen auffrisst. Zum Song.

Wie aus dem Hamsterrad der permanenten Wertorientierungen aussteigen?

Disclaimer: Dies ersetzt keine professionelle Hilfe – es sind meine persönlichen Erfahrungen.

Eigene Glaubenssätze hinterfragen und Erlaubnissätze formulieren. Sprich: Sich einfach mehr Zeit für Dinge zu schenken, die einem guttun, und dies OHNE schlechtes Gewissen. Denn es einfach zu tun, weil es auf der To-do-Liste steht, sich es aber innerlich nicht zu erlauben, ist eher kontraproduktiv und führt zu noch mehr Stress.

Also geht es um den Weg vom Müssen zum Dürfen. Hier kannst du gerne ChatGPT oder Ähnliches fragen. Gibt auch zig Bücher darüber, die einem hilfreicher als andere.

Eigentlich sagen sie alle dasselbe: Erlaube dir, nicht permanent leisten zu müssen. Hinterfrage deine Glaubenssätze, lerne dich selbst besser kennen und sei achtsam in deinem Alltag, um nicht in automatische Muster (Autopiloten) zu verfallen. Nun, das Wissen ist das eine, dies in die Praxis zu transformieren, etwas anderes. Ich bin dann häufig etwas verwirrt und frustriert zugleich, da ich mich nach einem weiteren Inhalt immer noch gleich «verloren» fühle mit meinem «Problem».

Daher nachfolgend etwas mehr praxisorientiert – was mir hilft, um Distanz von der permanenten Wertorientierung zu gewinnen:

  • Mir ernsthaft die Frage zu stellen, woraus ich wirklich Energie schöpfe. Was ist für mich Entspannung? Ist dies dann wirklich das wertorientierte oder vielleicht einfach mal ein wenig Sein?
  • Welche Werte fühle ich tief in mir, die mein wahres Selbst widerspiegeln?
  • Was wirklich wichtig (WWW): Was ist für mich wirklich wichtig, jenseits von Erfolg, Anerkennung und materiellen Dingen?

Zu Letztem ein vielleicht ein etwas krasses Gedankenexperiment: Was steht nach deinem Ableben auf deinem Grabstein? Welche Abschlüsse oder Zertifikate du hast (oder doch hattest)? Was hast du alles geleistet? Oder vielleicht doch mehr, was du im Herzen deiner Mitmenschen hinterlassen hast? An dieser Stelle die 3-Tage-Frage: Was würde ich (noch) tun, wenn ich nur noch 3 Tage zu leben hätte?

Mir hilft diese Frage immer wieder, von meinen Ego-Zielen, die wirklich oder fast ausschliesslich durch Leistung zu erreichen sind, wegzukommen.

Meine Alltagstipps

Gut und recht, kaum ist das Journaling gemacht, schon ist die Sache wieder vergessen. Daher hier noch meine persönlichen Tipps, um dies nachhaltig im Alltag zu integrieren bzw. verankern zu können.

  • Karte basteln «Leistungsstopp», welche du dir bei deiner Arbeit auf den Tisch legst. Visualisiere auf der Karte für dich, was dich als Mensch ausmacht – unabhängig von deiner Leistung (z. B. deine Ruhe, Offenheit gegenüber Mitmenschen etc.).
  • Schreibe als Teil deiner Morgenroutine jeden Tag einen Erlaubnissatz auf einen Notizzettel oder auf ein Papier (z. B. «Ich darf mein Leben geniessen.»).
  • Day-Tracking, aber bitte mit Trend, damit dies auch funktioniert. Mehr darüber erfährst du in dieser Podcast-Episode.

Und jetzt ganz wichtig: Schreibe nicht nur, sondern fühle es auch. Halte nach dem Schreiben jeweils inne und fühle deine Werte, deinen Erlaubnissatz bzw. das Gefühl, schon zu genügen, und komme so in die Verbundenheit und Dankbarkeit. Leistungsdruck entsteht durch einen Mangel, Mangel kann neben der Dankbarkeit nicht existieren. Ich denke, du verstehst, worauf ich hinaus will – probiere es aus und du wirst überrascht sein, wie schnell du dich hier umpolen kannst.

Auch Sport kann zur Falle werden

Nun, auch Sport kann «genutzt» werden, um den permanenten inneren Leistungstrieb zu kompensieren. Somit ist das Motiv, dem Sport nachzugehen, nicht die Förderung der Gesundheit, sondern die Erbringung von Leistung. Daher mein persönlicher Schlüsselsatz, um hier eine gesunde Perspektive (oder Erwartung) einzunehmen: Bewegung dient der Gesundheit und ist nicht ein Leistungselement.

Für mich ein Game-Changer. Häufig führte (oder führt manchmal immer noch) Bewegung/Sport zu innerem Stress, da auch hier jede Einheit einen Wert haben muss und ich eigentlich nur Lust habe, mich etwas zu bewegen und mir etwas Gutes zu tun. Und das geht auch ohne zu schwitzen.

Mein Appell an dich: Hinterfrage deine Ansprüche beim Sport. Geht es um Wert oder Gesundheit?

Zum Schluss: Der Weg ist das Ziel

Eine Veränderung braucht Zeit, und mal einfach dazusitzen und nichts Wertorientiertes zu tun, ist am Anfang komisch. Mit der Zeit wird dies aber natürlicher und du erkennst, wie gut dir diese Zeit tut und wie sie dich auf deinem Weg weiterbringt. z. B. auch um eine schmerzhafte Erfahrung verarbeiten zu können, indem du dir nochmals anhörst, was du zu sagen hast, ohne dies zu bewerten.

Hinsetzen erlaubt Verarbeitung. Verarbeitung erlaubt Heilung. Auch mal die unangenehmen Gefühle wie Schmerz, Frust oder was auch immer zulassen – definitiv nicht eine Männerstärke, aber das dürfen wir noch lernen.

Ich konnte früher selten loslassen, ausser nach Sport oder mit Alkohol. Ständig ist da so ein innerer Druck da, etwas mit Wert verrichten zu müssen – also zu leisten. Dieser Modus ist nicht etwas, was ein Mensch oder ich zumindest über lange Zeit aushält. Daher auch der Titel dieses Beitrages.

Ich bin gespannt, ob dich dieser Artikel mit dem Einblick in meine (Gefühls-)Welt inspiriert hat. Schreibe mir gerne einen Kommentar dazu. Apropos Fühlen: Dass (negative) Gefühle nicht mit Denken gelöst werden können, habe auch ich bis vor kurzem nicht begriffen. Danke an Peter Beer und den Kurs «Emotionale Freiheit».

Möchtest du darüber sprechen? Gerne bin ich für dich da – siehe dazu die Hauptseite. Gerne teile ich auch meine persönlichen Erfahrungen, wie mir bspw. Meditation und Hypnose in diesem Kontext helfen. Zur Hauptseite.

Für die wissenschaftlichen Hintergründe und eine umfassende Übersicht über Leistungsdruck empfehle ich diesen fundierten Artikel von Helsana.


Quellen, Links und weiterführende Informationen

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Winter, A. (2017). Müssen macht müde – Wollen macht wach! . Murnau a. Staffelsee: Mankau Verlag.
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